Hessischer Bildungsserver / Gymnasien in Hessen

12.2 Vernunft und Gewissen

Normsetzende Begründungen verantwortlichen Handelns

Begründung

Die Behandlung der normsetzenden Begründungen verantwortlichen Handelns erschließt die philosophische Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen der praktischen Vernunft, die den Menschen befähigt, allgemeine ethische Prinzipien mit Sollenscharakter aufzustellen. Die Vernunftfähigkeit des Menschen, seine Fähigkeit, Instinktbindungen zu überschreiten, lässt ihn zum freien, moralisch verantwortlichen Wesen werden. Seine Handlungsentscheidungen unterliegen zwar einerseits den Normen und Regeln der gesellschaftlichen Ordnung, letztinstanzlich jedoch seinem Gewissen. Auch der Gewissensirrtum hebt die handlungsorientierende Verbindlichkeit für den Einzelnen nicht auf, selbst wenn die Gewissensentscheidung als nicht rechtmäßig erscheint und der Handelnde zur Verantwortung gezogen werden muss; sein Gewissen bleibt unantastbar.

Gerade dadurch, dass im Motivationshorizont des Gewissens auch Traditionen, gesellschaftliche Strömungen, Einstellungen der Erziehungsinstanzen und eigene Erfahrungen mit den Mitmenschen Wirkungen ausüben, ist die Gefahr des Gewissensmissbrauchs gegeben. Die Spannung zwischen der subjektiven Gewissensentscheidung und der allgemeinen Sittlichkeit des moralischen Urteils wird hier besonders dramatisch. Gegen das eigene Gewissen handeln zu müssen, bedroht die Identität und die Würde des Menschen.

 Goya: Der Schlaf der Vernunft bringt Ungeheuer hervor (1799)

Die Verfassungsordnung räumt daher der höchstpersönlichen Entscheidung für Gut und Böse und der aus ihr erwachsenden inneren Verpflichtung zu einem wertbestimmten Handeln und Unterlassen einen hohen Rang ein. Andererseits gestattet sie insbesondere keine eigenmächtigen Eingriffe in die Rechtssphäre der Mitbürgerinnen und Mitbürger.

In der moralphilosophischen Tradition bindet die deontologische Ethik Kants die eigenen Handlungsmaximen an universalisierbare Vernunftgründe und steht damit gegen teleologische Handlungsorientierungen, die allein die Handlungsfolgen als Maßstab der Moral zu berücksichtigen verlangen. Hier kann (aufbauend auf Kurswissen aus dem Halbjahr 11.1) der Utilitarismus in seinen unterschiedlichen Ausprägungen als Beispiel einer Folgenethik mit der Kantschen Moralbegründung als einer Prinzipienethik konfrontiert werden.

Nach dem Ansatz der Diskursethik setzt jede Argumentation über ethische Probleme voraus, jedem Menschen moralische Autonomie und die Fähigkeit zuzugestehen, über Recht und Unrecht zu urteilen. Umgekehrt stelle jeder, der sich auf einen moralischen Diskurs einlässt, seine eigenen Positionen zur Disposition und erkenne durch die Teilnahme an diesem Verfahren bereits ethische Grundnormen an.

Die Diskursethik beansprucht, sowohl die Bedingungen und Implikationen realer Kommunikationsgemeinschaften als auch den Prozess der persönlichen stillen Gewissensprüfung in Form eines inneren Gesprächs mit den vorgestellten anderen Kriterien der Gewissensprüfung beschreiben zu können.

Für den ethischen Diskurs der Gegenwart sind überdies existenzialistische Ansätze des 20. Jahrhunderts von Bedeutung, die die menschliche Freiheit und die Unausweichlichkeit der moralisch bedeutsamen Entscheidung zum Ausgang ihrer Überlegungen stellen.

Im Zentrum des Unterrichts im gesamten Kurshalbjahr stehen die Bedingungen der Autonomie des Menschen als eines Vernunftwesens. Die Schülerinnen und Schüler sollen den handlungsleitenden Charakter wertbezogener Entscheidungen erkennen. Dies erfordert zugleich die Bereitschaft, Gewissensentscheidungen anderer zu tolerieren. Diese Einsicht entbindet die Schülerinnen und Schüler nicht davon, sich dem rationalen Diskurs zur vernünftigen Begründung von Entscheidungen über Werte und Normen zu stellen. Der eigene Standpunkt ist diskursiv zu begründen, ebenso sind Anforderungen der Gesellschaft an den Einzelnen zu überprüfen.




Verbindliche Unterrichtsinhalte/Aufgaben

Das Gewissen in der Lebenswirklichkeit des Menschen

· Erfahrung des Gewissens in Entscheidungssituationen, Gewissensirrtümer, Gewissensmissbrauch;
· Glaubens- und Gewissensfreiheit, Recht auf Kriegsdienstverweigerung (Art. 4 GG)
· Abtreibung; Asyldebatte

Die Vernunft
· als Prüfstein vorhandener Werte und Normen
· als Instanz neuer Werte und Normen

· Aufklärung als "Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit"
· Wertewandel: Ursachen und Beispiele
· Begründungsproblematik der Gewissensorientierung


Konkurrierende Normbegründungen in der moralphilosophischen Tradition:
· Bedingtheit / Unbedingtheit moralischer Normen
· Individuelle Verantwortung
· Pluralismus als gegenseitige Anerkennung von Freiheit
· Pluralismus vs. Fanatismus und Fundamentalismus

· Transzendentalphilosophie (Kant)
· Mitleidsethik (Schopenhauer)
· Utilitarismus
· Existenzialismus (z.B. Sartre)
· Diskursethik (z.B. Habermas, K.O. Apel)
· Konkurrierende Meinungen und Begründungsmodelle auf der Grundlage des Toleranzgebots (z.B. Voltaire, Popper)
· Gleichberechtigte Geltung unterschiedlicher Standpunkte oder Normensysteme
· Ethos des Pluralismus und Praxis des Kompromisses
· Pluralismus vs. absolute und totalitäre Geltungsansprüche und Begründungsverengungen (z.B. Hannah Arendt)



Fakultative Unterrichtsinhalte/Aufgaben

Autonomie - Heteronomie
Freiheit - Bindung
Handlungsdeterminismus

Evolutionäre, gesellschaftliche und psychische Bedingtheit des Gewissens / Relativierungen der moralischen Autonomie (z.B. Darwin, Marx, Freud, Marcuse, Nietzsche)





Arbeitsmethoden der Schülerinnen und Schüler


Zeitzeugenbefragung zu Verfolgung und Widerstand: Interviewtechnik, Videoproduktion
Projektthema "Lügen" (zusammen mit Po&Wi;, Bio, D): Recherchetechniken, Mind-Map, Wandzeitung als Präsentation
Pro- und Contradiskussion (Kriegsdienstverweigerung)
Querverweise:

Kirche in Staat und Gesellschaft: Rka, D, Rus, L, Spa, Rev
Der Mensch und sein Handeln: PoWi, Rev, Rka, Ek, D, L, G, Phil, F, Ita, GrA (Thema 2)
Berücksichtigung von Aufgabengebieten (§ 6 Abs. 4 HSchG):

[Quelle: Hessisches Kultusministerium: Lehrplan Ethik. Gymnasialer Bildungsgang. Jahrgangsstufen 7 bis 13. S. 59 f.]