Hessischer Bildungsserver / Gymnasien in Hessen

12.1 Menschenbilder in Philosophie und Wissenschaft

Anthropologische Voraussetzungen verantwortlichen Handelns

Begründung

Als Heranwachsende und junge Erwachsene nehmen heutige Schülerinnen und Schüler teil an den ethischen Konflikten, die eine erfolgreiche wissenschaftlich geprägte Kultur mit sich bringt, eine Kultur, in die sie gerade mit der Oberstufe immer stärker hineinwachsen. Zugleich finden sie zu einer selbstbewussteren Wahrnehmung ihrer selbst und ihres Verhältnisses zu anderen, ein Prozess, in dem sich ihr Verständnis als Individuen und als Personen, als Mitglieder von Gesellschaft und Staat sowie ihr Selbstverständnis als Menschen überhaupt entwickelt.

[  Quelle: dtv-Atlas zur Philosophie. München 1991, S. 99 ]

Ziel des Ethikunterrichts ist es hier, die Schülerinnen und Schüler zu befähigen, Erscheinungsformen besonders der modernen Humanwissenschaften in ihrer Bedeutung für ihr Selbstbild, ihr Menschenbild und für ihre ethischen Überzeugungen zu reflektieren und zu gewichten. Andererseits ist es Ziel des Ethikunterrichts in dieser Jahrgangsstufe, sie mit Aspekten des ethisch-philosophischen Nachdenkens über den Menschen bekannt zu machen, die von den modernen Humanwissenschaften nicht erfasst werden oder unmittelbar zu ihrer ethisch-philosophischen Reflexion beitragen können.
Einen ersten Schwerpunkt der unterrichtlichen Auseinandersetzung bilden zunächst Fragen nach unterscheidenden Merkmalen des Menschen, wie sie explizit oder implizit die philosophische Tradition und die philosophische Anthropologie thematisiert haben. Die Schülerinnen und Schüler machen sich hier in je verschiedener Gewichtung und in erörternder Absicht vertraut mit zentralen Merkmalen des Mensch- Seins. Hierzu gehören Vernunft als Erkenntnis- und Urteilsvermögen, Selbstbewusstsein und Selbstreflexion, die Fähigkeit zur kulturellen Selbstobjektivation, die Fähigkeit zur Schaffung überindividueller Gemeinschaften und Institutionen, die Dynamik von Wissenschaft und Technik als menschlichen Fähigkeiten, schließlich Freiheit, Selbstbestimmung als Basis personaler Identität und als Grundlage jeder Ethik.

Die Sonderstellung des Menschen im Schöpfungsganzen bzw. im harmonisch geordneten Kosmos wird in der Moderne problematisch. Mit der Aufklärung wachsen sowohl das Bewusstsein der Freiheit als auch das Wissen um die vielfache Determiniertheit gleichermaßen an. Freiheit von der Natur und die Gebundenheit an die Natur treten als Erfahrungen auseinander und wollen sich bisweilen sogar ausschließen. Diese Spannung zwischen dem Selbstbild des Menschen, der seine Würde in Selbstbestimmung, Unverfügbarkeit und Verantwortlichkeit sieht, und dem Bild, das die Wissenschaften von ihm zeichnen, gehört zu den grundlegenden Kennzeichen der modernen Welt und damit auch zu einem Ausgangspunkt des Selbstfindungsprozesses von Heranwachsenden.

Zweiter Schwerpunkt des Themas ist hiermit das Spannungsverhältnis von Freiheit und Determination. Die Schülerinnen und Schüler sollen sich mit wichtigen Determinanten des menschlichen Verhaltens (z.B. biologischen, psychischen, neurologischen oder sozialen Prägungen) auseinandersetzen und sie vor dem Hintergrund des Anspruchs auf Selbstbestimmung, Willens- und Entscheidungsfreiheit reflektieren. Unterrichtsgegenstand sind dabei vor allem die heuristischen Grundannahmen moderner Humanwissenschaften und die ihnen zugrunde liegenden Menschenbilder und Annahmen über die Funktion von Moralität. Die Versuchung, durch szientistische Verkürzungen von den vermeintlichen und zutreffenden Belastungen der Moralität zu entlasten, ist eines der Kennzeichen falscher Wissenschaftsgläubigkeit der Moderne, zu deren Analyse der Ethikunterricht Instrumentarien bereitstellen soll. Umgekehrt soll im Ethikunterricht deutlich werden, dass auch das Menschenbild, das im Selbstverständnis der Ethik vorausgesetzt wird, sich an den Ergebnissen der Humanwissenschaften bewähren können muss.

Potentielle Umwälzungen im Menschenbild als Folge der Ergebnisse von Biologie und Medizin, insbesondere der Genforschung, schließen hier an und bilden den dritten Schwerpunkt des Themas. In besonderer Weise können hier wissenschaftliche Neugier, eines der auszeichnenden Merkmale des Menschen, und ethische Grundüberzeugungen auseinander treten. Forschungsprämissen wie Entschlüsselbarkeit des Humangenoms, Grade der Eingriffstiefe, Reproduzierbarkeit berühren sowohl unser Selbstbild als Menschen, als sie auch eine neue, in den Ausmaßen nur schwer überschaubare Form von Verfügung über menschliches Leben implizieren. Inhaltlich gehören hierher z.B. Festlegungen zum Beginn des menschlichen Lebens und seiner entsprechenden Merkmale, Fragen von Diagnose und Therapie, vor allem aber Fragen nach den ethischen Wertmaßstäben gentechnischer Eingriffe, d.h. nach der Achtung der Menschenwürde. Anfang und Ende des menschlichen Lebens repräsentieren Kristallisationspunkte bioethischer Fragestellungen. Die Schülerinnen und Schüler sollen hier Grundlagen und Entscheidungshilfen für aktuelles und zukünftiges Handeln als Verantwortung tragende Mitglieder der Gesellschaft (z.B. als Ärztinnen/Ärzte oder als Wissenschaftlerinnen/Wissenschaftler) kennen lernen.Die Genforschung konfrontiert nicht zuletzt mit dem Pluralismus ethischer Überzeugungen. Der Ethikunterricht soll hier befähigen, jeweils leitende Wert- und Zielvorstellungen (z.B. Leidvermeidung und / oder Eugenik) zu erkennen und in ihrem Gewicht zu reflektieren. Er soll die Schülerinnen und Schüler darüber hinaus dazu befähigen, auch innerethische Wertekonflikte (z.B. Ethik des Heilens einerseits und Ethik der Unverfügbarkeit und Selbstbestimmung andererseits) als Bestandteil ihrer Lebenswelt zu begreifen, in der es gleichwohl möglich ist, in gegenseitiger Kenntnisnahme und Diskussion zu einer verantwortbaren eigenen Position zu gelangen.




Verbindliche Unterrichtsinhalte/Aufgaben

Auszeichnende und abgrenzende Merkmale des Menschen in Philosophie und philosophischer Anthropologie

Vernunft
· Allgemeinheitsanspruch, Verallgemeinerungsfähigkeit, Vorausschau, Zukunftsplanung (z.B. Plato, Aristoteles, Thomas, Descartes, Kant etc.)

Sinnlichkeit
· Sinne und Empfindungen als menschliche Natur, als Triebnatur, als Leiblichkeit (z.B. Protagoras, Lukrez, Hume, Locke, Nietzsche, Freud etc.)

Freiheit, Selbstbestimmung und Selbstbewusstsein
· Willens-, Entscheidungs- und Handlungsfreiheit,
· Theorien der Subjektivität, Ich-Identität und Personalität (z.B. Kant, Idealismus, Existenzphilosophie, Interaktionismus, Dekonstruktivismus, etc.)

Neugier
· Wissbegierde und Interesse als Basis der Wissenschaft

Menschenbilder der modernen Humanwissenschaften

Anthropologische Grundannahmen, Abgrenzung Mensch - Tier, Annahmen über Vernunft, Selbstbestimmung und Moralität
(Neben der Biologie ist ein weiterer Ansatz verbindlich.)

· Biologie (z.B. Evolutionsbiologie, Ethologie, Soziobiologie)
· Psychologie (z.B. Behaviorismus, Psychoanalyse, Lernpsychologie)
· Neurologie (Hirnforschung)
· Soziologie (z.B. Sozialisation, Rollentheorie, Systemtheorie)

Bioethik und Menschenwürde

· Chancen und Risiken der Genforschung als Gegenstand der Ethik; Freiheit der Forschung und Verantwortung, Können und Tun, Tun und Lassen
· Menschenbild und Wertsetzungen in Genforschung und Medizin
· Ethische Fragen am Beginn und Ende des Lebens:
Zeugung und Reproduktionstechnik; Intensivmedizin und humanes Sterben



Fakultative Unterrichtsinhalte/Aufgaben

Kriterien der Erkenntnis

Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie, Methoden der Erkenntnisprüfung
Offenbarungen, Gewissheiten, Setzungen als Voraussetzungen und Gefährdungen menschlichen Wissens


Arbeitsmethoden der Schülerinnen und Schüler


Collage, Cluster zu Menschenbild; Übungen zur Begriffsklärung (Freiheit, Subjektivität, Personalität), Projektarbeit (mit Biologie) zur Genforschung; Medien- und Internetrecherche zu fachlichen, juristischen und politischen Fragen der Genforschung
Querverweise:

Revolutionen: G, Phil, E, Rus, D, Mu, GrA (Thema 3)
Gentechnik: Bio, E, Phil
Erziehung: F, D, L, GrA (Thema 3)
Berücksichtigung von Aufgabengebieten (§ 6 Abs. 4 HSchG):

Rechtserziehung
Kulturelle Praxis

[Quelle: Hessisches Kultusministerium: Lehrplan Ethik. Gymnasialer Bildungsgang. Jahrgangsstufen 7 bis 13. S. 56 ff.]