Hessischer Bildungsserver / Gymnasien in Hessen

11.2 Religiöse Sinngebung des Lebens

Begründungen verantwortlichen Handelns in den Religionen

Begründung

Das Thema "Religiöse Sinngebung des Lebens" schlägt einen Bogen von den grundsätzlichen Möglichkeiten religiösen Glaubens im menschlichen Leben bis hin zur kritischen Reflexion über Anspruch und Wirklichkeit dieses Glaubens in seinen verschiedenen Ausprägungen.
Die Behandlung religiöser und weltanschaulicher Begründungen verantwortlichen Handelns beleuchtet Religion und Religiosität und deren Konsequenzen für die Bildung und Begründung ethischer Handlungsnormen aus verschiedenen Perspektiven.

Zunächst wird Religiosität unter religionsphilosophischen Gesichtspunkten als ein ihrem Selbstverständnis nach primär praktisches menschliches Welt- und Selbstverständnis mit eigenem Wahrheits- und Geltungsanspruch thematisiert. Gemäß ihrem Selbstverständnis ist es die besondere Leistung religiöser Vernunft, angesichts der radikalen Endlichkeit (Kontingenzbewusstsein) die Unverfügbarkeit der Sinnbedingungen menschlicher Existenz anzuerkennen und in gelebter kommunikativer Praxis bewusst zu halten (Kontingenzbewältigung) (Rentsch, Wuchterl). Religion ist die sprachliche und soziale Ausdrucksform dieser Religiosität.

Für die Unterrichtspraxis kann es nötig sein, insbesondere wenn Schülerinnen oder Schüler in der Mittelstufe nicht am Ethik- oder Religionsunterricht teilgenommen haben, zunächst ausgewählte Beispiele aus denjenigen Religionen darzustellen, die die europäische Geschichte entscheidend geprägt haben. Insofern liegt zunächst der Schwerpunkt in der Vermittlung eines Überblickes über das Christentum in seinen verschiedenen konfessionellen Ausprägungen sowie über das Judentum und den Islam. Diese drei Religionen sollen in Grundgedanken und in repräsentativen Ausschnitten ihrer heiligen Schriften und Riten vermittelt werden. Historisch wirksame prägende Züge in Gemeinsamkeit und Verschiedenheit sind etwa:

  • Der gegenüber dem Polytheismus sowie Verabsolutierungen und Verdinglichungen gleichermaßen kritische Monotheismus und seine auf die Lebenspraxis bezogene religiöse Bildersprache
  • Die geschichtlich ergangene Offenbarung - Verständnis universeller geschichtlicher Entwicklung gegenüber zyklischem Natur- und Weltverständnis
  • Die religiöse Gemeinschaft als Horizont realer kommunikativer Praxis

Die in Europa geschichtlich wirksamen Religionen haben in je verschiedener Intensität in ihrer Selbstreflexion (wissenschaftlich als "Theologie") auch maßgebliche Beiträge zu praxisrelevanter immanenter Selbstkritik und -reform geliefert.

Religionskritik bestreitet, dass Religion praktisches menschliches Welt- und Selbstverständnis mit einem genuinen Wahrheits- und Geltungsanspruch ist und dass es somit spezifische Leistungen religiöser Vernunft gibt. Sie stellt Mechanismen heraus, wie Religion und wie Religionen in der Gesellschaft für Zwecke und Interessen bestimmter Gruppen eingesetzt werden, und identifiziert Religion mit diesen Verwendungsweisen, insbesondere mit denjenigen psychischen, sozialen und gedanklichen Mechanismen, in denen Religion ideologisch und herrschaftssichernd verwendet wird. Szientistische Positionen bestreiten den Sinn von Religion überhaupt, da sie sich an wissenschaftlichen Kriterien nicht messen lasse.

Ein Ethikunterricht, der sich am Maßstab der Toleranz messen lassen will, muss die Schülerinnen und Schüler auf die historische und sachliche Bedeutung der Einsicht aufmerksam machen, dass Religion im modernen Verfassungsstaat einer pluralistischen Demokratie der Glaubens- und Gewissensfreiheit des Einzelnen überantwortet ist.

Er muss das Rechtsverhältnis zwischen Staat und religiösen Gemeinschaften in der pluralistischen Gesellschaft ebenso thematisieren wie die unterschiedlichen politisch-sozialen Realisierungsformen einer Religion in konkreten und auch miteinander konkurrierenden religiösen Gemeinschaften (Konfessionen) und die damit von vornherein gegeben Vielfalt in den Religionen selbst.



Verbindliche Unterrichtsinhalte/Aufgaben


Religiosität ihrem Selbstverständnis nach primär praktisches menschliches Welt- und Selbstverständnis

Religiöse Biographien in ausgewählten Beispielen zur Erhellung und Thematisierung sinnkonstitutiver Unverfügbarkeit

Monotheismus

Stärkung der freien Verantwortung des Einzelnen und der Gemeinschaft durch Entgöttlichung und Entmythologisierung der Natur
· Metaphorische Sprache
· Bilderverbot
· Religiöse Bildreden, insbesondere Schöpfung
· Eschatologie
· Heilig - profan

Die religiöse Gemeinschaft

· Judentum: auserwähltes Volk Gottes; talmudische Auslegung der Tora ("Wegweisung")
· Christentum: Gemeinde, Kirche; Zehn Gebote, Beispiele von christlichem Ethos, christliche Soziallehre;
· Islam: umma; 5 Säulen, Scharia als "Wegweisung" aus der traditionellen Rechtsprechung und Jihad als "unbedingte Anstrengung" für ein glaubensgemäßes Leben

Ethische Themen aus der Sicht der Religionen

· Menschenwürde (Humanisierung des Menschen), Menschenrechte;
· Norm, Sittlichkeit, Recht (Naturrecht);
· Ethische Güter: Leben, Freiheit, Eigentum
· Tugenden: Verantwortung, Gerechtigkeit, Liebe;
· Staat, Gesellschaft, Religion, säkulares Recht
· Gewissen; Schuld und Vergebung

Religionskritik
· klassische politische Religionskritik
· moderne Religionskritik (insbes. psychologisch oder strukturalistisch)
· szientistische Religionskritik



· z.B. Antike und neuzeitliche Aufklärer (Marx)
· wie z.B. Feuerbach, Freud, Nietzsche, Sartre oder strukturalistisch-funktionalistische (Luhmann) und dekonstruktivistische Ansätze
· evolutionäre Erkenntnistheorie





Fakultative Unterrichtsinhalte/Aufgaben

Östliche Religionen und Weisheitslehren

  • Hinduismus
    • Die Veden
    • Die Welt als Maya (Schein), der Dharma (tragende Ordnung) und das Samsara
    • Die Gottheiten
  • Buddhismus
    • Leben und Legende des Siddharta Gautama
    • Die vier "edlen Wahrheiten" - der "achtfache Pfad"
    • Die drei "Fahrzeuge" (Hinayana, Mahayana, Tantrayana)

Religiöses Leben (Glauben) - Naturwissenschaft (Faktenwissen)- Philosophie/Ethik (Orientierungswissen)

  • Das Spannungsfeld zwischen ethischen Begründungszusammenhängen aus religiös begründeten, naturwissenschaftlichen und philosophischen Perspektiven - ausgewählte Beispiele der aktuellen Diskussion
  • Szientistische "Begründungen" von Religion z.B. in der Kosmologie (Davies, Tipler), der Autopoiesis (Maturana, Varela) oder in der Synergetik (Capra, Prigogine)

Fundamentalismus

  • Interpretationsweisen heiliger Schriften


Arbeitsmethoden der Schülerinnen und Schüler


Besuche religiöser Einrichtungen (Gottesdiensthäuser, Gemeindezentren, Zentren für Jugendliche, soziale Einrichtungen) zu Informationen und Gespräch sind als Unterrichtsgänge in den Unterricht einzubeziehen.
Querverweise:

Identitätsfindung: D, E, F, Spa, Rus, Ita, L, Ku, Mu, G, PoWi, Rka, Rev, Phil
Lebensentwürfe: : D, Rus, L, GrA, PoWi, Rka, Phil, Rev, E
Abraham: : Rka, Rev
Glaube: : Rka, Rev, Phil, L
Heilige Schrift(en): Rka, Rev, Phil, GrA
Gesunde Lebensführung: Spo, PoWi
Berücksichtigung von Aufgabengebieten (§ 6 Abs. 4 HSchG):

Kulturelle Praxis
Gesundheitserziehung
Friedenserziehung

[Quelle: Hessisches Kultusministerium: Lehrplan Ethik. Gymnasialer Bildungsgang. Jahrgangsstufen 7 bis 13. S. 53 ff.]