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Wörterzählen auf dem Prüfstand

Umstrittene Prüfungsvorschrift

Dieser Beitrag ist abgelaufen: 30. November 2014 00:00

Müssen Schüler bei Klassenarbeiten und im Abitur auch künftig die Wörter ihrer Texte zählen? Die Justiz sieht - nach Berichten der Frankfurter Rundschau und des Hessischen Rundfunks vom 9. und 10. September 2014 - darin eher eine Aufgabe für Lehrer.

Im Bericht des Hessischen Rundfunks heißt es:

"Das Zählen der Wörter erfolgt nach Ablauf der Bearbeitungszeit durch die Prüflinge." So regelt es der Erlass des hessischen Kultusministeriums zu den "Durchführungsbestimmungen zum Landesabitur 2014" vom 21. Mai 2013. Das Ministerium stellt nun seine eigene Vorschrift infolge eines Beschlusses des Verwaltungsgerichts Darmstadt auf den Prüfstand. Das Gericht hatte Ende Mai über einen Antrag auf eine einstweilige Verfügung eines Abiturienten des Schuldorfs Bergstraße zu befinden: Dieser hatte im März in seinen schriftlichen Arbeiten in den Fächern Biologie und Geschichte die jeweilige Wörterzahl deutlich zu hoch angegeben. Einmal zählte er 2.149 Wörter, wo es tatsächlich 1.679 waren, das andere Mal 1.755 statt 1.484 Wörter.

Der Prüfungsauschuss der Schule warf ihm eine "schwerwiegende Täuschungshandlung" im Sinne von §30 der Oberstufen- und Abiturverordnung des Landes vor und schloss ihn von der mündlichen Prüfung aus. Erst nach seinem erfolgreichen Widerspruch vor Gericht konnte der Schüler sein Abitur abschließen.

Das Gericht begründete seine Entscheidung damit, eine Täuschungshandlung komme "nur dann in Betracht, wenn das Zählen der Wörter aufgrund der Bestimmungen der Oberstufen- und Abiturverordnung eine Obliegenheit der Prüflinge wäre". Die Verordnung schreibe das freilich nicht vor, ein ministerieller Erlass besitze "keine Rechtsnormqualität". Darüber hinaus habe der Abiturient die Aufgaben wie vorgeschrieben eigenständig beantwortet. Ihn von der mündlichen Prüfung ausschließen zu wollen, stehe in keinem angemessenen Verhältnis.

Außerdem:

Peter Hanack: Schluss mit Wörterzählen. Frankfurter Rundschau v. 9.9.2014 [Link]

| 12. September 2014 08:55