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Rainer Bölling und Ministerin Henzler: Auch ein Zentralabitur bürgt nicht für Qualität

Gastbeitrag und Interview für FAZ-Net

Dieser Beitrag ist abgelaufen: März 26, 2011, Mitternacht

Würde ein bundesweites Zentralabitur Sinn machen? Trägt es neben einer besseren Vergleichbarkeit der Noten zu höheren Ansprüchen und Leistungen bei? Der Bildungsforscher Rainer Bölling bezweifelt das in einem Gastbeitrag für FAZ-Net am 24.2.2011. In einem Interview am 28.2. äußert sich Kultusministerin Henzler in ähnlicher Weise, ebenfalls in der FAZ.

Den Zweifel,  dass die hochgesteckten Erwartungen der Befürworter auf eine bessere Vergleichbarkeit der Abiturnoten erfüllt werden, stützt Bölling mit folgenden Gründen: Der größte Teil der Abiturdurchschnittsnote wird dezentral ermittelt, höchstens ein Viertel der Gesamtqualifikation durch zentrale schriftliche Prüfungen. Allein zwei Drittel entfielen auf die Kursnoten der Jahrgangsstufen 12 und 13 (im achtjährigen Gymnasium 11 und 12). In der Abiturprüfung selbst, die ein Drittel der Gesamtnote ausmacht, könne die verbindliche mündliche Prüfung (in einigen Ländern sogar zwei) nicht zentral abgehalten werden. So blieben für die zentralen schriftlichen Prüfungen nur 25 Prozent der Gesamtqualifikation oder weniger, je nachdem, ob vier oder fünf Fächer anstehen. Dieser Anteil verringerte sich noch weiter, wenn zusätzliche mündliche Prüfungen zur Ermittlung des Endresultats erforderlich werden (auf Werte unter 20 Prozent).

Wollte man daran etwas Grundlegendes ändern, müsste eine andere Oberstufenordnung eingeführt werden, in der allein die Ergebnisse der zentralen schriftlichen Prüfung zählten, wie etwa in Frankreich. Das französische System führe allerdings zu einer starken Überbetonung reproduktiven Lernens und der Ausblendung all jener Anforderungen und Fähigkeiten, die sich einer standardisierten und punktuellen schriftlichen Überprüfung entziehen. Dazu gehörten die mündliche Mitarbeit im Unterricht generell, die Erarbeitung und Präsentation von Referaten oder experimentellen Versuchen, sowie Medienkompetenz und Teamfähigkeit. Außerdem würden die korrigierenden Lehrer nicht selten von regionalen Schulinspektoren zu einer wohlwollenden Bewertung gedrängt, sodass längst nicht alle die Voraussetzungen für ein Hochschulstudium mitbrächten.

Gegen das Argument einer Qualitätssteigerung führt Bölling mehrere Argumente an. Statistische Auswertungen in NRW, Berlin und Bayern zeigten, dass die zentralen Aufgaben oder die Vorgaben für die Bewertung offenbar weniger anspruchsvoll waren als die von Lehrern gestellten Klausuraufgaben in der Qualifikationsphase. Verbesserte Noten im Zentralabitur sind offenbar nicht mit erhöhten Leistungen verbunden. Eine denkbare Erklärung sei vielmehr, dass zentrale Prüfungen standardisierte Anforderungen auf mittlerem Niveau begünstigen und allgemeinen Kompetenzen wie Lesefähigkeit größeres Gewicht einräumen als fachlichem Wissen und Können. 

 


 

 

Aus dem Interview mit Kultusministerin Henzler, FAZ-Net  am 28. Februar 2011

Frau Ministerin, laut der Umfrage einer Stiftung und einer Unternehmensberatung, dieser Tage veröffentlicht, will eine Mehrheit der Deutschen ein bundeseinheitliches Abitur. Was halten Sie davon?

Um das überhaupt nur andenken zu können, müsste man sich erst einmal die Oberstufenverordnungen der einzelnen Länder anschauen. Wir haben zum Beispiel noch gar keine Bildungsstandards für die Sekundarstufe II, keine einheitliche Zielvorgabe, keine gemeinsamen Themenkomplexe. Wir haben in den Ländern ganz unterschiedliche Abiturverordnungen, Grundkurse zum Beispiel haben eine unterschiedliche Stundenzahl. Man kann doch die Schüler mit so unterschiedlichen Voraussetzungen nicht vor dieselben Aufgaben stellen.

Sind Ihre Bedenken eher praktischer Art oder grundsätzlicher Natur?

Es gibt die praktische Seite: Dass alle Bundesländer dann einheitliche Ferienzeiten haben müssten zum Beispiel. Das andere: Man macht Leistungen nicht dadurch besser, dass man möglichst vielen Leuten dieselben Fragen zur Prüfung vorlegt. Im Gegenteil war ja erst neulich auch in Ihrer Zeitung zu lesen, dass ein gemeinsames Abitur nicht automatisch bessere Leistungen hervorbringt. (...)

 


 

Homepage von Rainer Bölling: http://www.rboelling.de

Rainer Bölling, Das Tor zur Universität - Abitur im Wandel. Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 49/2008)

| März 4, 2011, 6:16 nachm.