11.1 Strukturmerkmale traditionaler europäischer Gesellschaften

Begründung

Das didaktische Konzept dieses Themas ist strukturgeschichtlich angelegt; ein ereignisgeschichtlich ausgerichteter Unterricht wird ihm also nicht gerecht.
Das Konzept verfolgt zwei Ziele: Zum einen sollen die Schülerinnen und Schüler in der Begegnung mit Lebensformen, die ihnen in ihrer tiefreichenden traditionalen Prägung fremd sind, erkennen, in welchem Umfang und in welchen Dimensionen ihre eigene Lebenswelt von der modernen technischen Zivilisation geprägt ist, und in diesem Zusammenhang den Begriff „Fortschritt“ und ihre Vorstellungen davon reflektieren. Zum anderen sollen sie aber auch erfassen, dass in diesen so fremden Lebensformen ein substanzieller Kern steckt, der sich als grundlegender Beitrag zur europäischen Kultur erweist, in der sie sich selbst wiederfinden können.

 

‘Die Polis der Athener’ und ‘Das Imperium Romanum’ stehen mit ihren unterschiedlichen didaktischen Möglichkeiten zur Wahl. Die diesbezügliche Entscheidung trifft die Fachkonferenz.
Den weiteren Schwerpunkt bilden die im Rahmen der feudalen Strukturen des europäischen Mittelalters sich entfaltenden Lebensformen, in denen auf der Grundlage eines christlich geprägten Welt- und Menschenbildes und in Auseinandersetzung mit germanischen und römischen Rechtsvorstellungen maßgebliche historische Weichenstellungen erfolgten.
Die Besonderheit des diesem Thema zu Grunde liegenden didaktischen Ansatzes besteht in der Art der Berücksichtigung der zeitlichen Dimension des Unterrichtsgegenstandes, d.h. in dem nur beschränkt möglichen Aufzeigen des zugehörigen Entwicklungsprozesses und in der Reduktion seiner historischen Formenvielfalt auf exemplarische Strukturen.
Die Verpflichtung zu einer wissenschaftlich fundierten Arbeitsweise gebietet es allerdings, auf die Dimension der historischen Zeit in geeigneter Weise aufmerksam zu machen, damit nicht der Eindruck entsteht, die Antike und das Mittelalter seien Epochen geringer Dynamik. Der Rolle der historischen Persönlichkeit muss, wo es erforderlich ist, in gebührender Weise Rechnung getragen werden. Dies kann etwa so geschehen, dass den Schülerinnen und Schülern von Fall zu Fall die Möglichkeit geboten wird, an repräsentativen Beispielen Einblick in historische Entwicklungen und Wandlungsprozesse und die sie beeinflussenden und prägenden Faktoren zu nehmen und dies zum Bestandteil ihres historischen Grundwissens zu machen. Sie sollen begreifen, dass Strukturgeschichte eine spezifische, theoriegestützte Form des Zugriffs auf Geschichte ist, die darauf abzielt, die Komplexität historischer Prozesse durch Rückgriff auf ihre Determinanten und Rahmenbedingungen begreifbar zu machen.


Kategorien und Schwerpunkte:

  • Welt- und Menschenbild
  • Herrschaft und ihre Legitimation
  • Gesellschaftsstruktur
  • Wirtschaft
  • Privates und öffentliches Leben
  • Kultur
  • Dauer und Wandel / Veränderung
  • Freiheit und Determination


Verbindliche Unterrichtsinhalte/Aufgaben

1 a) Die Polis der Athener

Oikos und Polis; gesellschaftliche Ordnung, politische Praxis und Kultur im demokratischen Athen

alternativ:

 

 

1 b) Das Imperium Romanum

Räumliche Ausdehnung des Römischen Reiches; gesellschaftliche und politische Ordnung der Republik und des Kaiserreiches; Urbanisierung, Romanisierung und Wechselwirkung der Kulturen

2. Europa und außereuropäische Kulturen im Mittelalter

Politische Gestalt Europas im Hochmittelalter; mittelalterliches Welt- und Menschenbild; Lebensformen und Alltag auf dem Land und in der Stadt; Christentum und mittelalterliche Gesellschaft; imperium und sacerdotium; Grundzüge des islamischen Welt- und Menschenbildes; Kreuzzugsbewegung und ihre Folgen; Ausdehnung des Heiligen Römischen Reiches nach Osten und Süden; Ostsiedlung; Christen, Juden und Muslime

Fakultative Unterrichtsinhalte/Aufgaben

 

 

1. a) Athen und Sparta

Athen und Sparta in der Welt der griechischen Poleis; gesellschaftliche und politische Ordnung in Sparta; Niedergang der Polis: innerer Zerfall oder Entmachtung von außen?

oder 1. b) Das Imperium Romanum

 

 

2. Christentum und mittelalterliche Gesellschaft

Mönchtum und Kloster; Dualismus zwischen geistlicher und weltlicher Gewalt; Unterschichten, Randgruppen, gesellschaftlich Ausgegrenzte

3. Christen, Fremde und außereuropäische Kulturen

Byzantinisches Reich, Islam und Abendland; dieRezeption der arabischen Kultur im mittelalterlichen Europa


Arbeitsmethoden der Schülerinnen und Schüler:


Analyse unterschiedlicher Quellen; Arbeit mit Übersetzungen; Sakral- und Profanbauten als historische Quellen; Interpretation von historischen Stadtplänen; Kurzvortrag

Hinweise und Erläuterungen:

Quelleninterpretation: Gliederung und Zusammenfassung der Quelle, Adressatenbezug, Intention, Einordnung in den historischen Zusammenhang; regionalgeschichtliche Exkursionen, Stadtbesichtigungen; Internetrecherche und Einsatz fachspezifischer CD-ROMs


Querverweise:

Identitätsfindung: D, E, F, Spa, Rus, Ita, L, Ku, Mu, PoWi, Rka, Rev, Eth, Phil
Mensch und Welt: L, GrA, Mu, PoWi, Ek, Rka, Rev, Phil, Phy, D, F, Ita, Rus, Ku
Sozialer Wandel: E, F, Spa, Rus, Ita, L, PoWi, Ek, Spo
18. Jahrhundert: Phil, D, Mu, Phy, M
Renaissance, Reformation, Aufklärung: Phil, L, GrA, Phy, D, Mu, M, Rka
Stadt: L, GrA, PoWi, Ek, Phil, F, Rus, Ch

Berücksichtigung von Aufgabengebieten (§ 6 Abs. 4 HSchG):

Friedenserziehung
Rechtserziehung
Erziehung zur Gleichberechtigung

 

 

 

 

[Quelle: Hessisches Kultusministerium: Lehrplan Geschichte. Gymnasialer Bildungsgang. Jahrgangsstufen 6-13 (2003), S. 44 f.]